Ich stille, na und?

Es war einmal ein kleines Zauberwesen, das in liebevoll erwartende Hände geboren wurde. Die Hebamme gibt es der Mutter auf die Brust, gemeinsam legen sie das Kind an die Brust an. Der Milcheinschuss wird angeregt, die Milch schießt an Tag 2 nach der Geburt ein, es beginnt eine wunderbare Stillbeziehung. Und so stillte sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Oder bitte zumindest „regelkonform“ volle 6 Monate. Aber bitte nicht in der Öffentlichkeit. Und bitte ohne Busenblitzer. Wo kämen wir denn da hin?

Ela und ich – wir hatten es am Anfang nicht so ganz raus mit der Brust. Es war für sie einfach zu anstrengend und das frustrierte sie, sie fing an zu weinen und war dann noch weniger von der Brust zu überzeugen. Ela entwickelte eine Gelbsucht und so war sie ab Tag 2 in der Kinderklinik. In der darauffolgenden Nacht schoss bei mir die Milch ein (von glühenden Fußbällen war nie die Rede – Himmel, das hätte mir ja ruhig mal jemand sagen können), ich bekam Fieber. Angehender Milchstau. Allerdings lag das kleine Zauberwesen ja nicht bei mir – sondern unter Licht in der Kinderklinik. Für mich hieß das also, abpumpen, Milch zu Ela bringen, sie aus ihrem Wärmebett holen, anlegen, den Rest mit der Flasche geben, wickeln, kurz kuscheln, zurück ins Wärmebett (die Pausen ohne Licht durften nicht zu groß werden), ich zurück aufs Zimmer, etwas essen, mit dem Papa telefonieren, kurz ruhen, abpumpen, Milch zu Ela bringen, … Ich geisterte durch die Flure wie ein Gespenst. Langsam schlurfend, eine Hand am Bauch, die andere umklammert das Fläschchen mit Milch – es muss ein Anblick für die Götter gewesen sein, aber auf der Station ist man sowas ja gewohnt. Stillen, ja das hatte ich mir anders vorgestellt. Gemütlich eingekuschelt, ein nackiges Würmchen an der Brust. Stattdessen waren da wunde und eingerissene Brustwarzen, Stillhütchen, Pumpsets und die Nummer der Stillberatung auf Wahlwiederholung. Und ein immer noch hungriges aber „zu müde um zu trinken“ – Kind. „So soll das weitergehen?“, dachte ich mir. Das halten wir – und meine Brustwarzen! – keine Woche durch. So kam es dazu, dass Ela in der Klinik auch mal ein Fläschchen bekam. Primär, finde ich, geht es nämlich doch darum, dass das eigene Kind satt wird – und in unserem Fall die Gelbsucht losbekommt, fitter wird und dann lernt, an der Brust durchzuhalten. Da habe ich auch eine eventuelle Saugverwirrung in Kauf genommen. Priorität 1, Kind satt und Gelbsucht weg. Und erst dann arbeiten wir an einer Stillbeziehung, die für alle Beteiligten (also für Ela, mich UND die Brüste) funktioniert. Klingt eigentlich ganz vernünftig, oder?

Und trotzdem musste ich in den letzten Monaten immer wieder von Situationen hören, in denen sich eine Mutter dafür rechtfertigen muss, warum sie nicht voll stillt, oder warum sie Fläschchen gibt, warum sie Clusterfeeding zulässt oder warum sie beschlossen hat, schon früh abzustillen. Liebe Gesellschaft, das geht dich überhaupt nichts an. Ich weiß wirklich nicht, wie es sein kann, dass sich Frauen (ja es sind meist andere Frauen/Mütter) in die (Still-)Be-/Erziehung anderer einmischen und einen Senf dazu geben, nach dem niemand gefragt hat. Da kommen dann Aussagen wie „Ja weißt du denn gar nicht, wie viele Nährstoffe in Muttermilch sind? Da kann Milchpulver lange nicht mithalten.“ Es kann doch nicht sein, dass eine Mutter, die ihrem Kind – egal aus welchem Grund – die Flasche gibt, ständig das Gefühl hat, sich dafür rechtfertigen zu müssen? Mal abgesehen davon, dass das Milchpulver auf dem deutschen Markt zu den Besten der Welt gehört.

Ich finde stillen ist so viel mehr, als dem Kind die Brust zu geben. Dazu gehört die gemeinsame Zeit von Mutter und Kind. Innig. Augen, die mich wach und dankbar anschauen. Kleine Hände, die sich am T-Shirt festhalten und an meinem Hals entlang krabbeln. Eine Flasche wird doch mit genau so viel Liebe gegeben, wie die Brust, oder nicht? Und darum geht es doch. Um Liebe. Um ein sattes und zufriedenes Kind. 

Für unsere ganz persönliche Stillgeschichte heißt das, dass 20170616_090827Ela – ja tatsächlich – auch schon mal Milchpulver bekommen hat, in den Momenten in denen ich z.B bei der Rückbildung war oder mit dem Papa einen Abend in Köln und die abgepumpte Milch nicht ausreichte. Ich stille sie voll – allerdings nur mit der rechten Brust. Die linke mochte Ela noch nie, sie kann ihren Kopf aber gleichermaßen in beide Richtungen drehen, das hat auch der Osteopath bestätigt. Sie hat eben ihre Lieblingsseite und da ich sie nur mit einer Brust satt bekomme – warum nicht? Mit Beikost haben wir noch nicht angefangen, Ela ist super zufrieden mit der Brust und zeigt bisher nur leichtes Interesse an unseren Tellern. Ich höre da ganz auf sie, sie entscheidet, wann sie anfangen will.

Es kann durchaus sein, dass jetzt die ein oder andere Mama mitliest, die meine Entscheidung nicht nachvollziehen kann, die zum Beispiel der Meinung ist, dass ich es durch Trick 17 doch bestimmt geschafft hätte, Ela auch an die linke Brust zu bekommen. Aber eben dir lass gesagt sein, dass du mich nicht verstehen musst. Ich finde, dass es das Wichtigste ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen, damit wir in diesem Leben als Neu-Mama ankommen. Egal ob wir persönlich Dinge anders machen würden. Mir fällt zu jeder anderen Mama in meinem Umfeld sicherlich etwas ein, was ich persönlich mit Ela anders machen möchte und werde. Aber deswegen ist doch diese andere Mama genauso die beste Mama für ihr Kind, wie ich es für Ela bin. Es ist doch alles so individuell.

Und trotzdem sind wir alle eins: Mama. Mit dem Wohl unseres Kindes an erster Stelle.

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Alles. Außer gewöhnlich. Die ersten 100 Tage Mama.

Einhundert Tage. So lange ist Ela heute bei uns. Das sind schon über 3 Monate. Und erst jetzt habe ich so ganz langsam das Gefühl, dass ich jeden Tag etwas mehr in diesem neuen Leben als Mama ankomme.

8 Wochen dauert das Wochenbett „offiziell“. Aber ich finde offiziell gilt nicht, wenn man Mama wird. 8 Wochen gibt es Schonfrist. Dann war da plötzlich das Abschlussgespräch mit meiner Hebamme, die Abschlussuntersuchung beim Frauenarzt („Alles wieder wie vorher.“). Allein dieses Wort „Abschluss“ klingt irgendwie so endgültig. Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett. Vorbei. Zurück in den Alltag. Jetzt als Mama, nicht mehr nur als Frau. Ich fühlte mich irgendwie wie ins kalte Wasser geschmissen. Zum Schwimmen lernen gezwungen. Jetzt bin ich Mama. Für „die da draußen“ ist jetzt alles eben so „wie vorher“. Jetzt mit Kind.

Nichts ist so wie vorher. Hinter mir liegt ein kleines – was sag ich da, sie ist schon so so groß – Babymädchen, strampelt unter ihrem Spielebogen, greift ganz bewusst nach ihren Spielsachen und gluckst vor Freude, wenn sie es wieder und wieder schafft.

Und ich? Ich lerne das Leben neu kennen. Ich höre nur noch meine Löwenmamaherz schlagen. Ich bin ein neuer Mensch, ich werde nie wieder die Laura sein, die ich mal war. Und die, die ich jetzt bin, muss ich erstmal noch so richtig kennen lernen. Diese neue Reise ist riesig. Ich hätte es tatsächlich nie gedacht, aber ja – das Leben dreht sich plötzlich bedingungslos um dieses kleine Wesen. Und die, die mich milde belächeln, weil sie das vielleicht albern und übertrieben finden – sind meist die Menschen ohne Kinder. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, doch wie oft fand ich mich in den vergangenen einhundert Tagen in der Situation, andere Mamas plötzlich (meistens) so gut zu verstehen. Situationen nachvollziehen zu können, die auch ich früher milde belächelt habe. So viele Dinge und Situationen sind auf einmal so unwichtig. Dafür andere umso mehr.

Ich gebe zu, diese Reise ist manchmal so riesig, dass ich gar nicht mehr weiß wohin mit so viel Liebe, dass ich weine und schluchze, ob ich denn das alles richtig mache. Ela, zum Glück hast du so nen super starken Papa, der bedingungslos für uns da ist. Der dich durch die Wohnung trägt, wenn du dich einfach nicht beruhigen lässt und die Mama auch schon bitterlich mit dir weint. Der mit dir spazieren geht, damit die Mama mal in die Badewanne kann und danach noch ein bisschen für sich auf die Couch. Und der genau weiß, wann es uns – mir – „da draußen“ zu viel wird. Wann wir wir sein müssen. (Ein Papa, der das hier gerade auch liest – Danke. Du weißt.) Jede Familie geht ihren eigenen Weg, trifft ihre eigenen Entscheidungen. Entscheidungen, die ich – nur weil ich jetzt Mama bin – nicht unbedingt nachvollziehen muss, aber wir machen das verdammt perfekt mit dir, meine Tochter. So wie jede Mama das verdammt perfekt für ihre kleine Familie macht. Löwinnen eben.

3 Versionen Laura – Mama, Partnerin, Frau – das muss ich erstmal alles unter einen Hut bringen. Da sind so viele Träume und Wünsche, manche davon bleiben einfach momentan auf der Strecke. Es ist so spannend, sich selbst in diesem ganzen Gewusel von Mamakram wieder zu finden und sich neu kennen zu lernen. Und ich hab mich noch nie so auf die Zukunft gefreut.

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Und dann – ja da liegt ein kleines Mädchen. Sie lacht und strahlt bis über beide Ohren, wenn sie mich sieht. Sie schläft am Liebsten auf der Seite und immer mit ihrem Tuch im Gesicht. Sie hat ihre Hände (und fast auch schon ihre Füße) entdeckt und greift nach mir, möchte mich näher bei sich haben. Sie zeigt mir, dass das Leben so so so schön ist. Dass da eine neue Art von Liebe ist, die ich bis dato noch nicht kannte. Sie ist es, die mir am meisten hilft, in dieser neuen Welt anzukommen. Innezuhalten. Klitzekleine Momente zu genießen. Ela, du bist das Beste was uns je passiert ist. Das Allerallerbeste. Danke, dass du mich endgültig zu dem Menschen gemacht hast, den ich schon so lange gesucht hatte. Intuitiv bin ich deine Mama. Durch dich bin ich ich. Vollkommen. Angekommen.