india.

„Komm doch mit.“ So ging’s los. Anfang November 2014, ich sitze nach der Schicht im Café an der Theke, unterhalte mich mit meinem Chef über das Studium, das Leben, das Reisen. Mich überfällt das Fernweh, als ich von den Reiseplänen erfahre, er ist eingeladen auf die Hochzeit seiner Nichte in Indien. Ich schwelge also so vor mich hin, da sagt er auf einmal „Komm doch mit.“ Jeder, der mich kennt, weiß, dass man mir sowas eigentlich nicht sagen darf. Weil ich komm tatsächlich mit. Wie kann ich mir denn die Möglichkeit entgehen lassen, auf einer indischen Hochzeit zu tanzen? Indien. Die Chance bekomm ich so nur einmal und nie wieder.

IMG_18294 Wochen später stehe ich mit meinem Rucksack am Frankfurter Flughafen, klammere mich an meinen Pass und kann eigentlich so gar nicht glauben, dass das jetzt wirklich passiert. Ich fliege nach Indien. Mit meinem Chef und seinem Bruder. Auf eine Hochzeit. Travel mode. Das gibt mir ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Ich liebe die reisende Laura, auf die ich mich zu 100% verlassen kann und ich bin erst so richtig ich, wenn ich den Pass in der Hand habe und in eine neue Kultur eintauchen darf. Mein Herz tanzt vor Freude, ich darf den grauen, anstrengenden, vorweihnachtlich-stressigen Alltag hinter mir lassen. Ich fliege in eines der farbenfrohsten Länder unserer Erde. Namaste India. Ich freue mich auf dich.

Nach unserer Ankunft in Delhi fahren wir mit dem Taxi etwa 300 km (also knapp 6 Stunden) in den Norden, nämlich nach Chandigarh, die Stadt, in der die Hochzeit stattfindet. Taxi bedeutet nicht, dass da 300 km ein Taxameter eifrig vor sich hin läuft, sondern dass man sich ein Auto und den dazugehörigen Fahrer zum Festpreis für die Strecke, bzw. für den Tag mietet. Aus dem Auto heraus blicke ich also auf ein Land, das mich sofort fesselt, verdutzt, begeistert. Der katastrophal-chaotische Verkehr in Delhi (eine Straße hat so viele Spuren wie aktuell eben benötigt werden, maximale Obergrenze konnte ich keine feststellen), Straßenhändler (die Lebensmittel, Medikamente, Haustiere und LKW-Ersatzteile gleichermaßen im Sortiment haben. Wenn nicht, dann der beste Kumpel ein paar Meter weiter), Tempel, Gurus, solche, die es gerne wären, Kühe (unter Umständen auch mitten auf einer aktuell 6-spurigen Kreuzung, bilden wir eben noch eine siebte Spur um die Kuh rum), spielende Kinder, Bauersfrauen, Geschäftsmänner. Menschen, überall. Unendlich viele.

IMG_1922Da es in Indien so üblich ist, dass bei einer Hochzeit (aufgrund der mehrtägigen Zeremonien) schon vergleichsweise früh vergleichsweise viel (!) Verwandschaft anreist, ist das Haus der Brauteltern bei unserer Ankunft am Nachmittag sehr belebt. Ein geschäftiges, buntes Treiben mehrerer Kulturen. Deutsch, Englisch, Hindi. Ich habe sofort Chai in der Hand – und zwar das grandiose Original, auf dem Fettäuglein schwimmen, der alles wärmt und der den Moment erst komplett macht. Die Männer sitzen gemeinsam im Wohnzimmer und besprechen familiär-organisatorisches, die Frauen halten sich eher im Koch-/Essbereich auf, die Kinder flitzen durch alle durch und verstecken sich schüchtern hinter dem IMG_1850schillernden Sari der Mama, wenn ich ihnen zu nahe komme – ich, außerirdisch, weiß & blond 😉 Nach einem Abendessen in einem Restaurant (wow. wow. lecker.) falle ich bei Freunden der Familie in mein Bett. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag zumindest ein bisschen zu schreiben  und schon an diesem ersten Tag werde ich mit dem Problem konfrontiert, welches ich die ganzen 10 Tage haben sollte. Wie zur Hölle soll ich Indien in Worte fassen?

Eine indische Hochzeit entzieht sich unserer westlichen Vorstellungskraft. Es ist der Wahnsinn und ich bin unendlich dankbar, dass ich ein Teil dieser wunderbaren Feierlichkeiten sein darf. Die Tage verschwimmen schon sehr bald zu einem einzigen großen und buntem Ganzen. Ringzeremonie, dann der Abschied der Braut aus ihrer Familie und die eigentliche Hochzeitsfeier mit dem hinduistischen Ritual der Eheschließung.IMG_2020 Viel Musik, viel Gesang und Tanz und noch mehr zu essen. Auf der Hochzeitsfeier gibt es – neben den „Häppchen“ (Chicken Teriyaki Bites, Grilled Fish, Grilled Banana, Fried Vegetables, Lamb Skewers, …), die von schicken jungen Herren gereicht werden, 5 Buffets, eines für Vorspeisen, eines für Suppen, eines für Gegrilltes, eines für Obst, eines für Getränke. Erst nach einiger Zeit wird mir klar, dass das nur dafür sorgen soll, dass sich die Hochzeitsgesellschaft (etwa 600 Leute übrigens) wohl fühlt, während sie auf das Brautpaar wartet. Das eigentliche Buffet (beziehungsweise eines für nordindische Küche, eines für südindische, eines für die Küche aus Goa, eines für chinesische Gerichte, eines für westliche Küche) war in einer anliegenden Halle aufgebaut und wird von uns erst nach Ankunft des Brautpaares (und Fotos, Glückwünschen, Geschenkeübergabe, …) so kurz nach Mitternacht gestürmt werden. (Bis das Brautpaar überhaupt da war, hatten etliche die Feier schon wieder verlassen, völlig normal, meinte Paramjit zu mir. Nun gut.)

IMG_2058Die Eheschließung findet dann anschließend im kleinen Kreis (d.h. noch etwa 35 Leute) ab etwa 2.00 Uhr morgens statt und zog sich bis kurz vor 6:00. Ein hinduistischer Priester kam, wir sitzen in einem kleinen Zelt auf Kissen um das Brautpaar herum, es wird viel gebeten und gesungen, Hindi und auch Sanskrit, in der Mitte ist eine Art Schale, in die Obst, Geld und Gewürze gegeben wird, dann ein Feuer, um das das Brautpaar, welches vorher durch diverse Rituale symbolisch verbunden wurde, sieben mal geht. Auch wenn ich absolut kein Wort von dem verstehe, was der Priester da von sich gibt, beziehungsweise tut, die Müdigkeit hat keine Chance. Ich sitze da, völlig fasziniert von dieser Vielfalt dieser Religion und der indischen Kultur. Es ist toll. So etwa um 07:00 früh falle ich ins Bett und bin geplättet von dem, was Indien mir bietet.

(Das Verrückteste auf dieser Hochzeit? Die Kameramänner, ein großer Kamerakran, Leinwände und diverse Bildschirme – damit man zu jeder Zeit verfolgen kann, was sich auf dem übrigen Gelände abspielt – Live Übertragung also. Verrückt.)

IMG_2082Da ich wusste, dass mir diese Hochzeit die Schuhe ausziehen wird, plante ich bereits im Vorfeld im Anschluss an die Zeit in Chandigarh eine Auszeit in einem Ayurveda-Resort im Nordosten Indiens, an der Grenze zu Nepal. Im Voralpenland des Himalaya quasi 😉 Nach einer aufregenden 10-Stunden-Autofahrt quer durch das Land, liegen nun also 2.5 Tage Durchatmen im Dschungel vor mir. Als ich nachts dort ankomme und in meinem kleinen Bungalow nichts anderes höre als das Summen des Generators und das Schreien streitender Affen, wird mir klar, dass diese Stille mich tief zufrieden stimmt. In den folgenden Tagen, auf dem Rücken einer Elefantendame, bei Ayurveda-Massage im tiefsten Dschungel und bei gemütlichen Abendessen im Bungalow verschmelze ich förmlich mit der Ruhe um mich herum. To blend in with what is around you, würden die Engländer/Amerikaner sagen, und genau das tritt ein.

Auf dem Weg zurück nach Delhi (im „1. Klasse“ – Abteil eines Zuges), tief entspannt und mit ganz viel Zeit zum Nachdenken, fällt mir auf, was mich die ganze Zeit schon beschäftigt hat. Indien ist toll. Rießig. Extrem. Aber eben auch extrem arm. Müllberge. Plastik. Ich bewegte mich die letzten Tage in einem reichen Mileau, ich geb das ja zu, aber Armut war zu jeder Zeit präsent. Ich habe noch in keinem Land dieser Welt eine solche Co-Existenz von reich und arm so zu spüren bekommen wie hier. Wir feiern Hochzeit in absolutem Überfluss und auf der anderen Straßenseite (und ich übertreibe leider nicht) kämpfen in der gleichen Nacht die Armen der Ärmsten um jedes Stück Naan. Und das stört auch niemanden. Es ist eben so. Das Essen, welches im Laufe der Hochzeitsfeierlichkeiten übrig bleibt, wird an Armenhäuser gegeben. Tolle Sache, keine Frage, aber ich habe sehr selten das Gefühl, dass das gemacht wird, um etwas Gutes zu tun und etwas zu verändern – sondern weil man das eben so macht.

Aus dem Zug heraus hat man einen anderen Blick auf die Welt. Und ich in dem Moment auch einen anderen Blick auf Indien. Den Blick auf das wahre Indien wahrscheinlich. Ich fahre an Feldern vorbei, auf denen Frauen arbeiten und ihre Kinder nebendran mit einem Stock und einer Plastikflasche spielen, Kühe, die hinter den Häusern in Müllbergen „grasen“, ein kleines Kind, welches ein Feld bewässert. Das Mädchen ist vielleicht 5 Jahre alt und tippelt barfuß mit einem löchrigen Eimer zwischen Feld und Wasserloch hin und her. Ein Wasserloch, in dem ich die Krankheiten förmlich sehen kann. Und dann nähern wir uns Delhi und ich sehe das, was sonst zu verstecken versucht wird, meterhohe Müllberge mit etlichen Menschen, die darin wühlen und nach etwas brauch- bzw. essbarem suchen. Das indische Leben ist so unendlich fremd von unserem und auch unendlich fremd vom kenianischen oder vom kanadischen, so viel Leben auf der Welt. Ich lasse mich bewusst darauf ein, was die Begegnung mit dem Land in mir verändert und ich kann es auch heute noch nicht in Worte fassen.

Ich muss gestehen, als ich in Delhi ankomme, bin ich genervt. Beziehungsweise jetzt im Nachhinein würde ich wahrscheinlich sagen, ich bin einfach überfordert. Das Land macht mich fertig.  Merke: Delhi Bahnhof, alleine, blond, mit dem ersten Anflug von Magenschmerzen. Brauche ich nicht unbedingt nochmal 😉 Ich diskutiere also um ein Taxi, lasse mich zu meiner Unterkunft bringen und falle da erstmal einfach nur ins Bett. Für den darauffolgenden – meinen letzten – Tag in Indien ist ein Ausflug nach Agra mit der Cousine der Braut geplant. Einmal Taj Mahal sehen.

IMG_2115Nach der schlimmsten Nacht – Hallo fieses Indien-Bakterium, geht es dir gut in meinem Darm? – fahre ich also (voll mit Medikamenten) nach Agra und dort auf direktem Weg zum Taj Mahal. Der Taj. Da steht er also. Und ich muss sagen. Beeindruckend. Aber leider leider dem Massentourismus zum Opfer gefallen. Ich zahle als Nicht-Inder das knapp 15-fache an Eintritt, um dann mit der Trillerpfeife (!) durch das Innere des Grabmals getrieben zu werden. Die Außenanlagen sind aber in jedem Fall beeindruckend und den Besuch definitiv wert. Ein Weltkulturerbe, das jeder kennt – und dann stehe ich ganz klein plötzlich davor. Solche Momente sind schon toll. Aufgrund meines gesundheitlichen Zustandes fahren wir dann aber auch relativ schnell wieder zurück nach Delhi, ich kaufe mir noch völlig überteuert weiße Pasta und Tomatensoße aus dem Glas (alles andere will ich meinem Magen nicht mehr antun) und verkrieche mich ins Bett.

…if we were meant to stay in one place we’d have roots instead of feet

Zurück in Deutschland stürze ich mich mit dem Kopf voraus in deutsches, vorweihnachtliches Leben. Und ich spüre unsere – meine – Kultur so viel intensiver als noch zuvor – wahrscheinlich absichtlich. Ich bin froh, dass ich Indien, diese farbenfrohe Kultur, so intensiv hab kennenlernen dürfen. Das Reisen, die bewusste Eintauchen in (strukturell) Fremdes und auch das Wieder-Heim-Kommen, helfen mir zu definieren, wer ich jetzt in diesem Moment bin und wer ich sein möchte. Indien ist gigantisch, groß, bunt, freundlich, laut, extrem, außerordentlich. Außerordentlich aber auch nur, wenn ich es aus meiner Sicht betrachte. Ich war Indien wahrscheinlich genauso außerordentlich – und fremd – wie das Land mir. 

Erfahrung ist mehr als nur Beobachtung. Erfahrung ist ein Prozess, in dem sich ein neues Sinngefüge bildet und durch den sich (in mir) etwas ändert. Das kann meiner Meinung nach am Besten abseits von Touristenpfaden passieren. Danke Indien. Ehrlich und aufrichtig. Danke. 

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Ein Gedanke zu „india.

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